Daheim e.V.
 

26.10.2013 | Neue Westfälische | Patrick Menzel

Lehre statt Leere

Warum eine 51-jährige Mutter von vier Kindern eine neue Herausforderung als Altenpflegerin sucht

Gütersloh. Dieses Lächeln kommt von Herzen. Dabei ist es doch nur eine kleine Handreichung, die den betagten Mann über das ganze Gesicht strahlen lässt: Brigitte Kollmer-Eckensberger hat ihm ein Glas Wasser gereicht. Es sind solche Momente, die sie wissen lässt, dass sie den richtigen Beruf erlernt. Kollmer-Eckensberger macht eine Ausbildung als Altenpflegerin. Im Alter von 51 Jahren.

Alte Menschen waschen, Hintern abwischen, Füttern – das Klischeebild des Altenpflegers. "Viele stellen sich einfach etwas Falsches unter dem Job vor und nehmen Abstand davon", sagt Kollmer-Eckensberger. Die Folge dürfte ein akuter Fachkräftemangel in den nächsten Jahren sein. 100.000 Altenpfleger werden laut einer Statistik der Bertelsmann-Stiftung bis zum Jahr 2030 in Nordrhein-Westfalen fehlen. Die Zahl der Menschen über 65 wird nach Prognosen des Statistischen Landesamtes bis dahin dagegen um mehr als ein Drittel steigen.

Ausgebildete Altenpflegerinnen sind schon jetzt "Mangelware" auf dem Arbeitsmarkt. Das bestätigt Marlene Kuhlmann, Pflegedienstleiterin beim Verein Daheim. "Wir suchen ständig Fachkräfte", sagt sie. Auch deshalb bildet der Verein derzeit 30 angehende Altenpflegerinnen aus.

Eine von ihnen ist Brigitte Kollmer-Eckensberger. Die Borgholzhausenerin ist Quereinsteigerin in dem Beruf. Mit der Geburt des ersten Kindes hat sie 1991 ihren Job als Bürokauffrau an den Nagel gehängt und ihre ganze Kraft der Familie gewidmet. Nach drei weiteren Kindern und 21 Jahren als Hausfrau und Mutter suchte sie dann eine neue Herausforderung. "Ohne Beschäftigung wäre die große Leere gekommen", sagt Kollmer-Eckensberger. Statt der großen Leere entschied sie sich für eine Lehre. Nach einem Jahr im Bundesfreiwilligendienst stand für sie fest: "So etwas will ich beruflich machen." Seit dem 1. Oktober ist sie Altenpflegeschülerin. Ihre praktische Ausbildung macht Kollmer-Eckensberger in der Tagespflege des Vereins Daheim, den theoretischen Teil am AWO-Fachseminar für Altenpflege in Bielefeld. Ihr Alter ist dort keine Besonderheit. "Von 25 Teilnehmern in einem Kurs sind mindestens fünf 40 Jahre oder älter", sagt AWO-Mitarbeiter Rüdiger Schnier.

Gute Zukunftsaussichten rechnet Jobst Hilker, Geschäftsführer der Arbeitsagentur in Bielefeld, Quereinsteigern wie Brigitte Kollmer-Eckensberger aus: "Wer sich mit 51 Jahren für den Beruf entscheidet, geht die Sache ganz bewusst an. Die Zahl der Abbrecher in diesem Alter ist verschwindend gering." Und da die Altenpflege ein Beruf mit Zukunft wie fast kein anderer sei, dürfte Kollmer-Eckensberger problemlos eine Anstellung finden, sagt er.

Noch hat die Pflegeschülerin 35 Monate ihrer Ausbildung vor sich, aber für sie steht bereits jetzt schon fest: "Altenpflege ist mein Ding, das mache ich bis zur Rente." Denn für ihre Arbeit bekomme ganz viel zurück von den alten Menschen. "So viel Dankbarkeit." Manchmal drückt sich die gar nicht in Worten aus, sondern nur in einem herzlichen Lächeln. Wie dem des rüstigen Seniors. "Da kriegt man richtig Gänsehaut", sagt Brigitte Kollmer-Eckensberger. Und lächelt mit.