Daheim e.V.
 

30.08.2013 | Neue Westfälische | Rolf Birkholz

„Jagen Sie uns“

Gütersloh. Von Desinteresse am Wahlkampf konnte keine Rede sein: In Scharen strömten die Besucher zur Podiumsdiskussion "Hat die Pflege Zukunft?" in den Kleinen Saal der Stadthalle. Wohl an die 400 Fachkräfte aus dem Kreisgebiet wollten hören, was die Bundestagskandidaten zu ihren Problemen zu sagen haben. Und sie wollten, wie aus ihren Reaktionen hervorging, auch den Frust über die Lage in ihrem Beruf bekunden. Eingeladen hatten die in der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände im Kreis Gütersloh organisierten Pflegedienste.

Nach Schätzungen bedarf es bis 2030 allein im Kreis Gütersloh bei 58 Prozent mehr Pflegebedürftigen rund 2.000 weiterer Vollzeitpflegekräfte. Wo sollen die herkommen angesichts eines von Unterfinanzierung, ungünstigen Arbeitszeiten und Bürokratisierung gezeichneten, eher unattraktiven Berufsbildes? Das war die Ausgangssituation.

Und die, bedingt zumal durch die demographische Entwicklung, hat sich laut Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates und Leiter der Zentralen Akademie für Berufe im Gesundheitswesen (ZAB) in Gütersloh, auch für die Politik lange angekündigt. Unter dem seinerzeitigen Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) sei "Das Jahr der Pflege" groß gestartet worden, doch "nichts ist geblieben mit Daniel Bahr".

Für Westerfellhaus ist die Pflegelage "ein gesamtgesellschaftliches Problem". Aber die mit 1,2 Millionen Beschäftigten größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen will offenbar nicht mehr warten, bis das in Berlin endlich begriffen und gehandelt wird. Er sei "manches Mal erschüttert", so Westerfellhaus, wenn er zu Diskussionen eingeladen sei und es immer nur um Versicherung und Finanzierung gehe. "Die Leistung erbringen wir!" Das müssten die Pflegenden aber auch sich selbst klar machen. "Ohne uns geht nichts." Und auch: "Pflege geht uns alle an."

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ralph Brinkhaus räumte ein, dass nicht genügend geschehen sei. "Es geht hauptsächlich auch um die menschliche Komponente." Änderungen erforderten aber "fürchterliche Kleinarbeit", es gebe nicht "den großen grünen Knopf", auf den man nur drücken müsse. Der Pflegebereich sei die schwächste Gruppe "im Lobbyspiel", sagte Brinkhaus. Und: "Ja, jagen Sie uns."

Damit begannen schon einmal SPD-Bewerber Thorsten Klute und Marco Mantovanelli von Bündnis 90/Die Grünen mit dem Hinweis, dass sich seit 2009 nichts getan habe. Während Klute eine "höhere Anerkennung der Pflege" wünschte, plädierte Mantovanelli ebenso wie - wenn auch nicht vereint mit - Ludger Klein-Ridder (Partei Die Linke) für mehr Geld im System, eine Bürgerversicherung und argumentierte gegen eine "Zwei-Klassen-Medizin."

"Ich sehe auch, dass nicht genug passiert ist", sagte Evelyn Dahlke, die als FDP-Frau zunächst den schwersten Stand zu haben schien, jedoch, da selbst vom Fach, auch den richtigen Ton fand in der von Mario Alexander Unger (Radio Gütersloh) moderierten Veranstaltung. "Wir haben viel zu lange nicht reagiert." Wichtig sei es, Zeit zu haben in der Pflege; damit, die Klienten nur "satt und sauber" zu bekommen, sei niemand zufrieden.

Eine Mitarbeiterin der ambulanten Pflege der Diakonie in Halle beschrieb ihren verdichteten Arbeitsalltag: Schon ihr erster Patient ab 6.45 Uhr mahne: "Langsam, Schwester." Doch sie müsse die Zeitvorgaben einhalten, Zwischenfälle brächten die Planung leicht durcheinander. Nach zehn Tagen sei sie dann "schon alle".

Und nach der Arbeit am Bett kommt die am Schreibtisch. Wie Marlene Kuhlmann vom Verein Daheim sagte, kann insgesamt "weniger als die Hälfte" der Arbeitszeit den Klienten gewidmet werden. Dokumentation, Kontrollen, Fortbildung und anderes kämen hinzu. Von Entbürokratisierung sei man "Lichtjahre" entfernt. Eine ordentliche Bezahlung mahnte Erich Tarrach, der langjährige Personalratsvorsitzende des LWL-Klinikums, an. "Ich weiß heute schon, dass nichts passiert", erwarte er aber auch von einem Regierungswechsel nichts.

Mehr Mittel für die Ausbildung forderte Michael Buschsieweke als Leiter des Kolping-Fachseminars für Altenpflege. Und Dr. Michael Schulz, Professor für psychiatrische Pflege in Bielefeld, stellte fest, dass die Pflege in Deutschland "international nicht anschlussfähig" sei. Es werde "sozialer Unfriede geschaffen", das meiste Geld in dem Sektor gehe an die Ärzte. Es gehe in der professionellen Pflege um mehr, als "ein gutes Herz (zu) haben."

Schließlich beschwor Andreas Westerfellhaus seine Berufskollegen: "Die Solidarität muss von uns herkommen." Für den 7. September ist vor dem Reichstag in Berlin ein Höhepunkt der "Ich-will-Pflege"- Kampagne mit Pflegenden aus dem ganzen Land geplant.