Daheim e.V.
 

28.02.2014 | Haller Kreisblatt | Kerstin Spieker/Werther

„Ich schwärme jetzt von Werther“

Leben in einer Wohngemeinschaft, Buchautor und gesuchter Vortragender mit rund 200 Veranstaltungen im Jahr - Henning Scherfs Art, mit dem Alter umzugehen, trägt unausgesprochen ein Empfehlungszertifikat. Mit seinen Mitteln wirbt der 75-jährige ehemalige Bremer Regierungschef für ein neues Seniorenbild, will den Alten eine wichtige Rolle mitten in der Gesellschaft zukommen lassen. Am Mittwochmorgen traf sich Scherf im Haus Tiefenstraße zur Diskussionsrunde mit Vertreterinnen von fünf Trägern, die in Werther Pflege für alte Menschen anbieten.

Auf Einladung der Volkshochschule war Henning Scherf am Dienstagabend zum Vortrag über seinen Umgang mit dem Alter in die Aula der Gesamtschule gekommen - und weil er schon einmal in Werther war, lud die SPD den Sozialdemokraten Scherf gleich zur Gesprächsrunde in die Seniorenbegegnungsstätte Haus Tiefenstraße ein. Pastor Hartmut Splitter begrüßte die Diskussionsteilnehmer als Gastgeber im Haus.

Nachdem Henning Scherf wortreich sein Bild vom aktiven Alten, der mitten im Leben und in der Gesellschaft seinen Platz hat, vorgestellt hatte, hörte er sich interessiert an, welche Hilfs- und Pflegemöglichkeiten es in Werther gibt. Am Tisch Platz genommen hatten Vertreterinnen des Johanneswerks im Stadtteil, der Diakonie, des Vereins Lebensbaum, des St. Jacobistifts und des Vereins Daheim e. V. Auch eine Reihe von Wertheraner Sozialdemokraten sowie Martina Detert vom Familienzentrum Fam.o.S. diskutierten mit.

Im Gespräch gab sich Henning Scherf durchaus streitbar. So sprach er offen seine Vorbehalte aus, wenn es um mobile und stationäre Pflegeangebote unter einem Dach geht. Die Gefahr bestehe, dass der ambulante Dienst eine Art Portalfunktion für die stationäre Unterbringung darstelle und unter Umständen Alte aus wirtschaftlichen Erwägungen der Träger in einer Einrichtung landeten, in die sie nie gewollt hätten.

Seine Gesprächspartnerinnen ließen sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Für Werther könne sie so ein Vorgehen ausschließen, entgegnete Cornelia Woge von der Diakoniestation. „Wir haben alle bis oben hin zu tun”, machte Sybille Florschütz vom Verein Lebensbaum deutlich. Seine Klienten müsse sich keiner der in Werther tätigen Träger auf so einem Wege ins Haus holen.

Aber wenn man schon nicht um die Alten konkurrieren müsse, wie sehe es denn dann mit den Mitarbeitern aus?, wollte Henning Scherf wissen. Auch hier gelte eher das Prinzip des Miteinanders, ließen die Damen wissen. Für den Lebensbaum erklärte Sybille Florschütz, dass, wenn man nicht alle Auszubildenden selbst übernehmen könne, man sich bei den anderen Anbietern nach einem Platz umsehe. Oder dort nachfragen könne, wenn man selber jemanden brauche.

Jeder der fünf Anbieter in Werther verfüge über ein eigenes Profil, das eben für den einen Klienten passe, für den anderen aber nicht. „Das ist eher so, dass wir uns hier ergänzen”, machte Kerstin Simon, Pflegedienstleitung des St. Jacobistifts, deutlich.

Henning Scherf reagierte prompt und verließ seinen Provokateurposten wieder. „So langsam beginne ich für Werther zu schwärmen”, resümierte er. Er habe sie nicht angreifen wollen, sagte Scherf in Richtung seiner Gesprächspartnerinnen. Er sei bereits selber bei einigen Demonstrationen mitgegangen, als es um bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege gegangen sei. Und in Richtung seiner Parteigenossen: „Hier, ihr lieben SPD-Leute, bei Arbeitskämpfen laufen immer die Männer vorneweg. Frauen sieht man da selten - dabei sind die Arbeitsbelastungen in der Pflege so hoch, dass die meisten Männer wohl abwinken würden, wenn sie das machen sollten.”