Daheim e.V.
 

26.04.2016 | Neue Westfälische | Natalie Gottwald

Ein Zuhause für den Lebensabend

Themenwoche "Plötzlich Rentner - was nun?"

Die Entscheidung, das langjährige Heim zu verlassen und in eine betreute Wohnanlage zu ziehen, fällt vielen Senioren nicht leicht. Oft gib es aber ein Schlüsselerlebnis.

Kreis Gütersloh. "Froh zu sein, bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König." - Im Kanon erklingt der bekannte Volkslied-Text aus dem Gemeinschaftsraum des Wohnparks "Vietingstraße" in Rheda-Wiedenbrück. Und passender geht es für Maria Nolding kaum. Die 79-Jährige lebt seit zehn Jahren in einer von insgesamt 76 Wohnungen. Und schaut man ihr ins Gesicht, fallen sofort die lebendigen Augen auf, um die zahlreiche Lachfältchen spielen.

"Positiv denken und allem Neuen - auch im Alter - offen begegnen", ist Maria Noldings Lebensrezept. Das hat ihr auch geholfen, als sie sich vor zehn Jahren entschloss, sich von ihrer 72-Quadratmeter-Wohnung zu verabschieden und sich auf 42 Quadratmeter im Wohnpark zu verkleinern.

"Für mich gab es ein Schlüsselerlebnis", erzählt die Mutter von vier Kindern. "Ich musste in meiner alten Wohnung immer das Fahrrad aus dem Keller hochtragen. An einem Tag bin ich rückwärts die Kellertreppe runtergefallen und mein Rad auf mich drauf. Da habe ich laut gesagt: Jetzt ist Schluss!", erinnert sich Nolding noch ganz genau.

Auch für Anita Degener, die seit sechs Jahren in der Anlage wohnt, gab es ein Schlüsselerlebnis: "Ich habe über 50 Jahre lang in einem Haus mit einem 1.400 Quadratmeter großen Garten gelebt", erzählt sie. Eines Tages habe sie in ihrem Garten gestanden, sich umgesehen und gedacht: "Ich schaffe es einfach nicht mehr." Dass sie den Entschluss für sich gefasst habe, sei für sie dabei am allerwichtigsten gewesen, sagt die 87-Jährige. "Wenn die Kinder irgendwann auf mich zu gekommen wären und mir einen Umzug nahe gelegt hätten - ich wüsste nicht, wie ich reagiert hätte."

Da gehe es Anita Degener so wie vielen anderen Rentnern, bestätigt Oliver Lömker, Sprecher des Vereins Daheim mit Sitz in Gütersloh, der unter anderem den Wohnpark an der Vietingstraße betreibt. "Ich erlebe es nur allzu häufig, dass ältere Menschen bei uns anrufen, um sich über Formen und Möglichkeiten des betreuten Wohnens zu informieren. Dann hören wir oft länger nichts, und dann melden sich irgendwann die Kinder. Das ist dann schade, denn der Punkt mit der eigenen Entscheidung ist dann verpasst worden."

Am Anfang habe sie viel geweint, erinnert sich Anita Degener an ihren Einzug in die kleine Wohnung mit eigener Küche und Bad. Wichtig sei gewesen, dass sie ihre Möbel und Erinnerungsstücke mitgenommen habe. "Von vielem musste ich mich aufgrund der Verkleinerung aber auch trennen, und das fiel nicht gerade leicht." Aber heute hat sich die 87-Jährige gut eingelebt, Kontakte geknüpft und auch einen kleinen "Garten" hat sie sich erhalten. "Es sind nicht mehr 1.400 Quadratmeter, aber hier, auf meinem kleinen Tischchen am Fenster stehen immer frische Pflanzen." Die 87-Jährige geht noch selbst einkaufen und kocht in ihrer kleinen Küche. "Daran, dass ich hier so wenig Platz zum kochen habe, musste ich mich erst gewöhnen." Aber eines hat Anita Degener mittlerweile festgestellt: "Eigentlich ging es mir in meinem ganzen Leben nie so gut wie hier." Das dachte sie auch, als sie vergangene Woche einen "Ausflug in die alte Heimat", also zu ihrem einstigen Haus machte. "Ich kann da zu Fuß hingehen. Und als ich vor dem Haus stand habe ich gemerkt, dass ich das im Grunde abgehakt habe. Ich war am Ende eben die einzige, die noch übrig blieb."

Auch Maria Nolding fühlt sich wohl in ihrer kleinen Wohnung. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß, hatte eine schwere Knie-Operation und nutzt einen Rollator. "Wenn ich mal Hilfe brauche, kann ich die hier bekommen. Und wenn nicht, mache ich Dinge, die mir Freude bereiten." Dazu gehört vor allem Musik. Maria Nolding liebt Schlager - am meisten das Duo "Fantasy" aus NRW. "Da mag ich den Freddy am liebsten", sagt sie mit leuchtenden Augen. Und wenn ein Lied von Fantasy im Schlagerkanal laufe, dann tanze sie auch schon mal durch ihr kleines Wohnzimmer. "Das geht schließlich auch mit Rollator - und Musik hat eine heilende Wirkung", ist die 79-Jährige überzeugt.